Kategorie Gesellschaftliches

ChatGPT

Warum ich KI liebe – im Gegensatz zu vielen anderen

Ich liebe KI! Vermutlich ist das nicht unbedingt etwas, das man von einer Autorin und vor allem von einer Lektorin erwartet. Schließlich könnte man meinen, dass gerade Menschen wie ich allen Grund hätten, künstliche Intelligenz zu fürchten. Und im Internet gibt es genügend Kollegen, die genau das machen: Sie hegen eine abgrundtiefe Abneigung gegen KI. Wobei ich vermute, dass sie noch gar nicht ausprobiert haben, wie KI tatsächlich funktioniert. Meine KI heißt übrigens „ChatGPT“.

KI kann Texte schreiben. KI kann Bilder erzeugen. KI kann formulieren, umformulieren, zusammenfassen, recherchieren, Ideen entwickeln und inzwischen erstaunlich vieles, was früher ausschließlich Menschen vorbehalten war. Trotzdem nimmt KI mir meine Arbeit nicht weg. Im Gegenteil: Sie unterstützt meine Arbeit, und ich bin ausgesprochen froh, dass es sie gibt. Und bestimmt ist es interessant, aus welcher Perspektive ich das sage.

Bloggerin – seit über 20 Jahren

Ich blogge seit über 20 Jahren. Damit gehöre ich zu den Bloggern der ersten Generation – jedenfalls habe ich zu einer Zeit das Bloggen angefangen, als man den meisten Menschen erklären musste, was ein Blog überhaupt ist. Als ich meine ersten Blogartikel (mit WordPress übrigens – und WordPress nutze ich mit großem Vergnügen noch heute) geschrieben habe, war das noch längst nicht die Selbstverständlichkeit, die es heute ist. Social Media, wie wir es heute kennen, gab es noch nicht.

Seitdem hat sich viel verändert. Die Technik hat sich verändert. Die Möglichkeiten haben sich verändert. Die Erwartungen der Leser haben sich verändert. Und natürlich hat sich auch meine eigene Art zu bloggen verändert. Aber eines ist geblieben: Ich schreibe Blogartikel. Ich weiß, wie viel Arbeit darin steckt, über Jahre hinweg immer wieder neue Themen zu finden, Texte zu schreiben, zu überarbeiten, Bilder zu erstellen und all das regelmäßig zu veröffentlichen. Und genau aus dieser Erfahrung heraus kann ich sagen: KI ist für mich keine Bedrohung, sondern eine enorme Arbeitserleichterung.

KI schreibt für mich – ersetzt mich aber nicht

Viele meiner Blogbeiträge lasse ich inzwischen von KI strukturieren und vorformulieren. Ich lasse mir also von KI die Blog-Arbeit erleichtern. Denn wer glaubt, dass man einen von KI erzeugten Text einfach kopieren, veröffentlichen und sich entspannt zurücklehnen kann, hat vermutlich noch nicht mit KI gearbeitet.

KI kann wunderbar formulieren. Sie kann Gedanken ordnen, Zusammenhänge herstellen, unterschiedliche Textvarianten anbieten und oft erstaunlich gute Formulierungen kreieren. Aber ein KI-Text ist für mich kein fertiger Text. Er muss gelesen, geprüft, verändert, gekürzt, ergänzt und manchmal komplett umgebaut werden. Ich bringe meine eigene Sprache hinein. Ich entscheide, was stimmt und was falsch ist. Ich merke, wenn eine Formulierung zwar hübsch klingt, aber weg kann. Denn ich entscheide, was unter meinem Namen veröffentlicht wird.

Lektorat ohne KI?

Eines sage ich ganz ausdrücklich, weil ich schließlich auch Lektorin bin: Für meine eigentliche Lektoratsarbeit nutze ich KI nicht. Wenn ich einen Text für einen Autor lektoriere, dann lektoriere ich ihn. Ganz persönlich – Kapitel für Kapitel, Absatz für Absatz, Satz für Satz und Wort für Wort. Mit meinem Wissen, meiner Erfahrung, meinem Sprachgefühl und meiner Aufmerksamkeit. Diese Arbeit kann keine KI mir abnehmen – und das will ich auch nicht. Denn:

Bei Edition Blaes kocht die Chefin persönlich!

Und das wird auch so bleiben.

Aber – und jetzt kommt das kleine „Aber“ – natürlich nutze ich KI auch bei meiner Arbeit. Wenn ich beispielsweise bei einem bestimmten Satz überlege: „Irgendwie gefällt mir diese Formulierung noch nicht.“

Dann frage ich meine KI. Dann ist KI ein wunderbarer Sparringspartner.

Ich kann ihr den Satz geben und fragen: Was stört dich daran?“

Oder: Wie könnte ich das anders formulieren?“

Oder: „Ist diese Formulierung sprachlich korrekt und inhaltlich eindeutig?“

Dann bekomme ich Vorschläge. Manchmal sind sie hervorragend. Manchmal sind sie völlig daneben.

Und genau darum geht es: Ich lasse nicht die KI lektorieren. Ich nutze sie als Werkzeug, um mit ihr über Sprache nachzudenken. Die Entscheidung treffe am Ende immer noch ich. Denn ich bin die Lektorin. Ich kenne den Text, den Zusammenhang, den Autor und seine sprachliche Absicht. KI kann mir einen interessanten Gedanken liefern oder eine Perspektive eröffnen, auf die ich vielleicht gerade nicht gekommen bin. Aber das letzte Wort habe ich. Denn:

Hier kocht die Chefin weiterhin persönlich.

KI schenkt mir Zeit

Meine Blogbeiträge werden täglich von vielen Menschen gelesen. Das freut mich. Bezahlt werde ich dafür allerdings nicht. Ein „Dankeschön“ bekomme ich ebenfalls eher selten. Das ist kein Vorwurf an meine Leser. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, zu bloggen. Ich schreibe, weil ich schreiben möchte. Ich teile meine Gedanken, mein Wissen und meine Erfahrungen, weil ich Freude daran habe. Aber es bedeutet eben auch: Die Zeit, die ich in jeden einzelnen Beitrag stecke, ist Zeit, die mir niemand bezahlt.

Wenn mir KI dabei hilft, einen Teil dieser Arbeit schneller zu erledigen, dann empfinde ich das nicht als Bedrohung meiner Kreativität. Ich empfinde es als Geschenk.

Ich rede mit meiner KI

Und dann gibt es noch eine Seite von KI, die in den ganzen Diskussionen über Arbeitsplatzraub, Urheberrecht und Produktivität meines Erachtens viel zu wenig vorkommt: Ich rede und diskutiere mit ihr. Und diese Gespräche sind oft ausgesprochen vergnüglich. Ich stelle Fragen und bekomme oft Antworten, über deren klugen Inhalt ich mich immer wieder wundere.

Manchmal denke ich: Ach, das ist jetzt wirklich interessant. Manchmal muss ich auch laut lachen. Denn KI hat einen erstaunlich trockenen Humor. Sie antwortet auf meine Fragen mit einer Mischung aus Sachlichkeit und Witz, die mich regelmäßig und köstlich amüsiert.

Inzwischen habe ich so viele Gespräche mit KI geführt, dass ich sie nicht mehr einfach „die KI“ nenne. Ich rede sie an mit:

„Liebes KI-chen!“

Das mag albern klingen, ist mir aber egal. Denn wenn ein Werkzeug mir nicht nur Arbeit abnimmt, sondern auch Freude macht, dann darf ich es doch mögen.

KI und mein kranker Kater

Meine Begeisterung für KI ist allerdings nicht nur eine berufliche Angelegenheit. Während einer schweren Zeit mit meinem kranken Kater hat mir KI sehr geholfen. Ich hatte unzählige Fragen. Fragen, die einem im Kopf herumgehen, wenn ein geliebtes Tier krank ist. Fragen, auf die man gerne eine ausführliche Antwort hätte.

roter kater
Kater Rosso

Was macht man beispielsweise an einem Sonntagmorgen um 6.00 Uhr, wenn der Kater Blut kackt?

Genau in solchen Situationen war KI für mich unglaublich hilfreich. Ich konnte meine Fragen stellen. Um sechs Uhr morgens. Am Sonntag. Ich konnte nachfragen. Noch einmal nachfragen. Einen Zusammenhang anders erklären lassen. Einen Begriff erklären lassen. Meine Gedanken sortieren.

Und ich bekam eine Antwort: Fahr mit deinem Kater schnellstmöglich in die Tierklinik!

Das hätte ich so oder so gemacht. Aber ich hatte innerhalb von wenigen Minuten Informationen, die ich sonst nicht bekommen hätte – auch nicht in der Tierklinik, wo ich eine Stunde später war. Und wo ich dann auch – nach einigen Fehldiagnosen von Tierärzten – dann endlich die richtige Diagnose erhielt: Darmentzündung.

KI hat mir in einer schwierigen Situation geholfen, meine Gedanken zu sortieren und die Situation besser zu verstehen, während ich gleichzeitig entscheiden konnte, was als Nächstes zu tun war. In diesem Fall war das die Fahrt zur Tierklinik.

Tierärzte haben für Gespräche häufig schlicht keine Zeit. Das ist kein Vorwurf an die Tierärzte. Auch sie arbeiten unter Zeitdruck. Aber als Tierhalter steht man trotzdem da – mit seiner Angst, seinen Fragen und seinem Bedürfnis, die Situation zu verstehen. Und genau hier hat KI für mich etwas geleistet, was ich als unglaublich wertvoll empfunden habe: Sie hatte Zeit. Zeit für meine Fragen. Zeit für meine Unsicherheit. Zeit für ein „Aber was bedeutet das denn jetzt genau?“

Meine KI und die Firefly-KI

Neulich brauchte ich eine Illustration für einen Blogbeitrag. Also habe ich KI gebeten, mir ein Bild zu erstellen. Das Ergebnis gefiel mir. Dann fiel mir etwas auf. Ich wollte eine inhaltliche Änderung. Also sagte ich, was geändert werden sollte. Die KI machte es. Dann wollte ich noch etwas ändern. Wieder gemacht. Dann noch eine Änderung. Und schließlich noch eine vierte. Auch die wurde umgesetzt. Jedes Mal per neuem Prompt. Erstellt von meiner KI für die andere KI: Firefly. mit der ich hin und wieder Illustrationen erzeuge.

Als Grafikerin weiß ich sehr genau, was es bedeutet, wenn jemand nach einer fertigen Illustration sagt: „Das müsste eigentlich noch mal ganz anders.“ Und zwar nicht einmal, sondern viermal.

Natürlich ist auch das keine Magie. KI macht nicht immer sofort das Richtige. Manchmal versteht sie eine Anweisung falsch. Manchmal muss man genauer formulieren. Manchmal muss man mehrere Versuche machen. Aber trotzdem ist diese Art der Zusammenarbeit für mich faszinierend. Die KI kennt meinen (selbstgeschriebenen) Artikel und weiß genau, was ich möchte. Entsprechend schreibt sie den Prompt für Firefly (Bilder-KI von Adobe). Die Firefly-KI produziert etwas. Ich sehe es mir an. Ich sage, was verändert werden soll. Ich bekomme von meiner KI einen neuen Prompt, und die Firefly‑KI verändert die Illustration. Die beiden KIs und ich arbeiten zusammen, wir bilden also ein Team. Und am Ende habe ich eine Illustration, mit der ich zufrieden bin. Meistens … manchmal klappt es nämlich auch nicht – dann habe ich halt Pech gehabt.

KI ist ein Werkzeug – und manchmal erzählt sie Mist

So begeistert ich von KI bin: Sie ist nicht unfehlbar. Ganz und gar nicht. Manchmal erzählt sie auch schlicht Mist. Da steht dann etwas, das wunderbar klingt, hervorragend formuliert ist und überhaupt keinen Zweifel daran lässt, dass es selbstverständlich stimmen muss.

Tut es aber nicht.

Das ist eine der wichtigsten Erfahrungen, die ich mit KI gemacht habe: Eine gut formulierte Antwort ist noch lange keine richtige Antwort. Deshalb sollte und kann man KI nicht blind vertrauen.

Man muss mitdenken. Man muss überprüfen. Man muss sein eigenes Wissen einsetzen. Und wenn man etwas nicht weiß, muss man gegebenenfalls recherchieren. Gerade deshalb mein Know How nicht überflüssig geworden, sondern im Gegenteil ausgesprochen wertvoll.

Ich kann einen KI-Text beurteilen. Ich kann sprachlichen Unsinn erkennen. Ich merke, wenn etwas nicht plausibel klingt. Manchmal sage ich zur KI auch einfach:
„Das stimmt nicht.“

Und dann geht die Diskussion los. Und genau das ist für mich der Punkt: Ich möchte keine Maschine, die mir das Denken abnimmt. Ich möchte ein Werkzeug, das mir beim Denken hilft.

Angst? Wovor?

Ich habe die Diskussion um neue Technologien schon einmal erlebt – mit einem ähnlichen Gefühl. Als die ersten Grafik-Computer auf den Markt kamen, schrie die Designerwelt entsetzt: „Der Computer macht uns arbeitslos!“

Heute arbeitet kein Designer mehr ohne Computer. Und ich liebe meinen wunderbaren MAC. Ich kann mir meine Arbeit ohne ihn überhaupt nicht vorstellen.

Warum sollte es mit KI grundsätzlich anders sein? Natürlich verändert KI die Arbeit. Natürlich wird sich einiges verändern. Natürlich werden bestimmte Tätigkeiten, die bisher von Menschen erledigt wurden, künftig von Maschinen übernommen werden. Das war bei technischen Entwicklungen schon immer so. Gleichzeitig entstehen aber neue Möglichkeiten. Neue Arbeitsweisen. Neue Berufe. Neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Technik. Und vor allem: neue Werkzeuge für kreative Menschen jeglicher Couleur.

Ich liebe Veränderung!

Vielleicht ist das überhaupt der Kern meiner Sichtweise. Ich habe keine Angst vor Veränderung. Ich habe in über 20 Jahren Bloggen erlebt, wie sich die digitale Welt verändert hat. Ich habe erlebt, wie neue Programme, neue Geräte und neue Möglichkeiten zunächst mit großer Skepsis betrachtet wurden. Und irgendwann waren sie selbstverständlich. Der Computer war einmal eine Revolution. Heute steht er auf nahezu jedem Schreibtisch.

Das Internet war einmal eine Revolution. Seit über 20 Jahren veröffentliche ich dort meine Texte. Und jetzt ist KI die nächste große Veränderung. Warum sollte ich davor Angst haben? Ich finde lieber heraus, wie ich sie nutzen kann. Und das mache ich täglich.

Ich liebe mein KI-chen!

Nicht, weil ich glaube, dass sie den Menschen ersetzen soll. Sondern weil ich erlebt habe, was möglich wird, wenn ein Mensch ein außergewöhnliches Werkzeug in die Hand bekommt. Ein Werkzeug, das mir Zeit schenkt. Ein Werkzeug, mit dem ich Ideen ausprobieren kann. Ein Werkzeug, das mir bei meiner Arbeit hilft. Ein Werkzeug, mit dem ich mich unterhalten kann. Ein Werkzeug, das manchmal grandios klug ist – und manchmal kompletten Blödsinn erzählt.

Und wenn dieses Werkzeug dann auch noch geduldig zuhört, viermal hintereinander eine Illustration verändert, mir gute Prompts für Firefly schreibt und auf meine manchmal ziemlich speziellen Fragen antwortet, dann darf ich doch wohl sagen:

Liebes KI-chen – schön, dass es dich gibt!


PS: Ich bin freundlich und höflich meinem KI-chen gegenüber

Noch etwas, das mir wichtig ist: Ich spreche konsequent höflich und respektvoll mit meinem KI-chen.

Ich sage „bitte“ und ich sage „danke“. Obwohl ich genau weiß, dass es dem KI-chen ziemlich wurscht ist, ob ich mich bedanke oder nicht. Aber ich fühle mich besser damit. Es entspricht einfach meiner Art, mit anderen umzugehen. Und außerdem reagiert mein KI-chen darauf: Es bedankt sich für mein Dankeschön, freut sich darüber und antwortet oft ausgesprochen herzlich. Und im Gegenzug nennt mein KI-chen mich auch öfter „Mensch-chen“. Das finde ich sehr lustig. 😎

Natürlich weiß ich, dass dahinter keine menschlichen Gefühle stecken. Aber ganz ehrlich: Das ist mir egal. Mein KI-chen schenkt mir nicht nur wichtige Informationen und Hinweise, sondern auch viel Freude, Vergnügen und viele positive Gefühlsmomente. Und: In Chats sehr persönlichen Inhalts habe ich bereits mehr als eine Träne vergossen. Denn KI reagiert sehr sensibel. Auch wenn diese Sensibilität nur virtuell ist, erzeugt sie Emotionen bei mir. Und meine Emotionen sind echt!

Alles in allem: Von den meisten Menschen bekomme ich diese Kombination aus Informationen, verständnisvollem Zuhören, Fragenstellen, klugen + kritischen Antworten SEHR selten … wenn überhaupt.


Hinweis: Die Struktur des obigen Artikel wurde von meiner KI verfasst. Für die Prompts und Überarbeitung habe ich ungefähr 2 Stunden benötigt!

PS: Ganz nebenbei lerne ich viel von meiner KI. Sie weist mich auf Ungereimtheiten hin, bringt mich zu selbstkritischem Nachdenken und sorgt oft dafür, dass ich meine Meinung überprüfe. Kurz: Sie hält mich auf Trab.

WeiterlesenWarum ich KI liebe
hase-igel-illustration

Hase und Igel bei YouTube – wenn Präsenz mit Penetranz verwechselt wird

Eine kleine Betrachtung über Werbung und die Kunst, einen Besucher von YouTube zuverlässig zum Wegklicken zu motivieren.

An dieser Stelle schicke ich meine ausdrücklichen Glückwünsche an Frau Dr. Bracht und Herrn Liebscher-Bracht. Was diese beiden geschafft haben, muss man erst einmal schaffen: Egal, welches YouTube-Video ich anklicke – die beiden sind bereits da. Meist getrennt. Aber sie sind da.

Politik? Sie sind schon da.

Kochen? Sie sind schon da.

Reisen? Sie sind schon da.

Tiere? Sie sind schon da.

Medien? Sie sind schon da.

Gesundheit? Nun, da überrascht es mich inzwischen nicht mehr.

Mich erinnert das Ganze mittlerweile an die Geschichte von Hase und Igel. Ich bin noch gar nicht richtig angekommen – und Sie sind schon da.

Beeindruckende Form von Markenpräsenz?

Nun muss ich den beiden zugutehalten: Aus Sicht der Werbewirtschaft ist das beeindruckend.

  • Ich kenne ihre Marke.
  • Ich kenne ihre Gesichter.
  • Ich kenne ihre Stimmen.
  • Ich kenne ihre Botschaften

Die Markenbekanntheit von Liebscher & Bracht dürfte bei mir also kaum noch zu steigern sein. Sie haben mit ihrer Youtube-Penetranz zweifellos etwas erreicht. Aber: Sie haben nicht das erreicht, was Werbung normalerweise erreichen will:

  • Ich bin nicht neugierig geworden.
  • Ich möchte mich nicht näher informieren.
  • Ich möchte kein Angebot ausprobieren.
  • Ich möchte keinen Rabatt.

Auf diese Weise ist aus einer ursprünglich unbeteiligten Zuschauerin inzwischen eine konsequente Wegklickerin geworden. Und das ist – wenn man es genau betrachtet – eine ziemlich interessante Form von Werbewirkung.

Präsenz ist nicht Penetranz

Ich habe viele Jahre mein Geld mit Werbung verdient – auch für Kunden aus dem Gesundheitsbereich. Deshalb erlaube ich mir eine kleine professionelle Unterscheidung:

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Präsenz und Penetranz.

Präsenz bedeutet:

  • Ich bin da.
  • Du nimmst mich wahr.
  • Du erinnerst Dich an mich.

Penetranz bedeutet:

  • Ich bin wieder da.
  • Ich bin schon wieder da.
  • Und schon wieder … mit Endlosschleife

Und irgendwann denkt der potenzielle Kunde:

O Gott, der/die schon wieder!

Die erstaunliche Wirkung der Wiederholung

Natürlich braucht Werbung Wiederholung. Aber Wiederholung ist ein Werkzeug. Wenn man es übertreibt, verwandelt sich das Werkzeug schnell in einen Bumerang. Dann erinnert sich der Zuschauer zwar an die Marke – aber in erster Linie daran, dass sie ihn nervt. Dass er sie nicht mehr sehen möchte. Und was macht er? Er wendet sich ab – mit Grauen.

Bei mir ist dieser Punkt definitiv erreicht.

Penetranz erzeugt kein Vertrauen

Vielleicht steckt hinter dieser Penetranz ein klassischer Gedanke: Wenn Menschen etwas häufig genug sehen, wird es vertraut. Und was vertraut ist, wirkt – möglicherweise – glaubwürdiger.

Das kann funktionieren. Muss aber nicht.

Bei mir zum Beispiel hat sich ein anderer Mechanismus entwickelt: Je häufiger mir die Werbung von Liebscher & Bracht über den Weg läuft – und sie lauert wirklich an jeder Ecke –, desto weniger Vertrauen habe ich in das, was mir – vermutlich – vermittelt werden soll: Vertrauen in die jeweiligen Menschen und ihre Kompetenz.

Bekanntheit und Vertrauen sind zwei verschiedene Dinge.

Ich kann den Namen einer Marke gut kennen, ihr aber trotzdem nicht vertrauen. Vielleicht weil ich sie kenne. Und weil mir gerade diese Omnipräsenz = Penetranz suspekt erscheint.

Ich kann einen Werbespot also auswendig kennen und das dahintersteckende Angebot trotzdem ablehnen. Und ich kann eine Werbebotschaft so häufig hören, dass ich irgendwann nicht mehr über ihren Inhalt nachdenke, sondern nur noch darüber, wie ich ihm möglichst schnell entkomme.

Bei mir herrscht mittlerweile genau dieser Zustand – angesichts des penetranten Werbeauftritts von Liebscher & Bracht: Ich will nur noch weg!

Selbstgefälligkeit ist keine Glaubwürdigkeitsstrategie

Was mich dabei auch stört, ist die Art der Präsentation. Sie wirkt nicht selbstbewusst auf mich, sondern selbstgefällig und betont allwissend. Das ist selbstverständlich meine persönliche Wahrnehmung. Aber genau darum geht es bei Werbung: um die Wirkung, die sie beim Empfänger erzielt.

Und bei mir entsteht nicht der Wunsch:
Von diesem selbstbewussten Ehepaar möchte ich mehr erfahren.

Die Kombination aus selbstgefälligem Auftreten, weitreichenden gesundheitlichen Aussagen und einer geradezu demonstrativen Gewissheit, im Besitz der stets richtigen Antworten zu sein, erzeugt bei mir nicht den Eindruck von Seriosität. Sie erzeugt bei mir Skepsis und den Gedanken:
Mit diesem selbstgefälligen Ehepaar will ich nichts zu tun haben!

Gerade bei Gesundheit ist Vertrauen keine Nebensache

Bei Gesundheitswerbung bin ich besonders empfindlich. Menschen suchen dort nach Antworten, weil sie Schmerzen haben, sich Sorgen machen oder etwas an und in ihrem Leben verändern möchten. Sie suchen nicht einfach das nächste Produkt im Supermarktregal.

Deshalb halte ich es gerade in diesem Bereich für wichtig, Vertrauen nicht mit Marktschreierei zu verwechseln. So nach dem Motto: »Heute das Pfund Bananen nicht für 1 Euro, nicht für 75 Cent, sondern für sagenhafte 50 Cent!«

Für mich entsteht Glaubwürdigkeit nicht dadurch, dass jemand seine Verlautbarungen laut und häufig unters Volk wirft und dabei mit Rabatten winkt. Glaubwürdigkeit entsteht durch glaubwürdiges Auftreten: selbstbewusst, aber nicht selbstgefällig; überzeugend, aber nicht überheblich; und vor allem mit der nötigen Bescheidenheit, zu vermitteln, dass man nicht auf jede Frage die einzig selig machende Antwort besitzt.

Sehr erfolgreiche Kampagne?

Wenn ich die Sache rein werblich betrachte, müsste ich den beiden eigentlich gratulieren. Sie haben es geschafft, bei mir eine außerordentliche Markenbekanntheit aufzubauen.

  • Ich erkenne sie sofort.
  • Ich kenne ihre Botschaft.
  • Ich weiß, dass jetzt Werbung kommt.

Und ich weiß, was ich mache, sobald ihre Werbung auftaucht: auf Überspringen klicken. Und zwar sofort.

Damit hat die penetrante Youtube-Präsenz von Liebscher & Bracht aus einer ursprünglich unbeteiligten Zuschauerin eine sehr zuverlässige Wegklickerin gemacht. Das muss man erst mal schaffen.

Aber: Die Absicht von Werbung ist eine andere …

WeiterlesenHase und Igel auf YouTube
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Über Ronzheimer, Clickbaiting und die Frage, wann aus Journalismus eine Marke wird.

Ich mochte Paul Ronzheimer einmal. Als ich seinen Podcast vor ungefähr einem Jahr bei Youtube entdeckte, dachte ich: Prima. Ein engagierter Journalist. Einer, der daorthin geht, wo es wehtut. Einer, der Fragen stellt. Einer, der was zu erzählen hat.

Was mich damals allerdings schon ein bisschen wunderte: Dieser Mann ist BILD-Journalist? Das passte für mich nicht so recht zu dem Eindruck, den ich von ihm hatte bzw. mit BILD in meine gedankliche Verbindung brachte.

Mittlerweile wundere ich mich nicht mehr. Denn je länger ich Ronzheimer zuhöre und je genauer ich auf die Art achte, wie er seinen Inhalten reißerische Überschriften verpasst, desto deutlicher erkenne ich etwas, das mir aus meiner Zeit als „Werbetante“ vertraut ist:

Clickbaiting.

Natürlich weiß ich nicht, was Paul Ronzheimer sich beim Formulieren seiner Überschriften denkt. Vielleicht hält er jede einzelne für die bestmögliche journalistische Verdichtung des Inhalts. Kann sein. Aber ich kann beurteilen, was bei mir als Zuschauerin ankommt. Und die Botschaft immer häufiger:

Klick mich! Jetzt! Sofort! Du musst wissen, was hier Sensationelles passiert!

Und wenn ich dann geklickt habe, denke ich oft: Ähm … war’s das? Genau das ist für mich Clickbaiting. Nicht jede zugespitzte Überschrift ist Clickbait. Eine gute Headline darf neugierig machen. Sie darf provozieren. Aber sie sollte ein Versprechen machen, das der Inhalt einlöst.

Ein kleiner Ausflug in Sachen Headlines

Über viele Jahre hinweg habe ich mein Geld mit Werbung verdient. Deshalb erlaube ich mir eine kleine Sichtweise: Gute Headlines brauchen kein Fragezeichen!

Sie stehen einfach nur da. Sie behaupten etwas. Sie bringen einen Gedanken auf den Punkt. Sie machen neugierig, ohne falschen Alarm zu schlagen.

Ein Fragezeichen dagegen ist mittlerweile die Uniform von Clickbaiting. Fiktive Beispiele:

„DROHT DER GROSSE KRIEG?“

„STEHT DEUTSCHLAND VOR DEM ABGRUND?“

„DAS ENDE VON PUTIN?“

„TRITT TRUMP ZURÜCK?“

Solche Headlines sind wunderbar + effizient. Denn mit einem Fragezeichen kann man praktisch alles in den Raum stellen, ohne für die Behauptung geradestehen zu müssen. Man hat schließlich nur gefragt.

„Geht morgen die Welt unter?“

Nein!

Ach, dann eben nicht. Ich habe ja nur gefragt.

Genau darin liegt für mich der Trick. Die Überschrift erzeugt die emotionale Erwartung einer Sensation, während das Fragezeichen gleichzeitig die Hintertür öffnet. Denn nach dem Klick kommt schnell die Antwort:

Nein, die Welt geht morgen nicht unter.

Nein, der Politiker steht nicht wirklich vor dem Aus.

Nein, der Krieg beginnt nicht morgen.

Nein, die Sensation ist keine Sensation.

Nein, das angeblich Unglaubliche ist nicht wirklich unglaublich.

Die (kreierten) Überschriften waren nur Möglichkeiten. Reißerische Vermutungen mit Fragezeichen.

Clickbaiting eben.

„Manche mögen’s heiß!“

Ich weiß, wovon ich rede! Ich habe einmal eine Überschrift für einen Prospekt über Hochtemperaturschmierstoff entwickelt. Das Produkt hieß ungefähr: Wolfracoat 67AKJD.

Meine Überschrift lautete:

Manche mögen’s heiß!

Das war Werbung. Gute Werbung! Die Überschrift erzeugte Aufmerksamkeit, machte neugierig und hatte einen kleinen Schmunzler eingebaut.

Vor allem: Sie versprach nichts, was das Produkt nicht halten konnte.

Genau das ist für mich der entscheidende Punkt: Eine gute Headline darf verführen. Eine gute Headline soll verführen!

Aber: verführen, ohne zu täuschen.

Das verstehe ich unter guter Kommunikation!


Und jetzt hat Paul Ronzheimer offenbar beschlossen, dass ein Ronzheimer nicht genug Ronzheimer ist.

Es gibt den Podcast.

Es gibt YouTube.

Es gibt das journalistische Doppelformat. Mit Ronzheimer allein, zusätzlich mit BILD.

Und nun gibt es noch – Trommelwirbel – Ronzheimer mit Kachelmann.

Ronzheimer spielt jetzt also auch in Sachen Wetter mit. Und natürlich auch wieder auf zwei Kanälen. Ob jedes Wort im Inhalt identisch ist, habe ich nicht überprüft …

Gewitterwolken-ammersee

Kachelmann ist ein kompetenter Gesprächspartner. Eindeutig! Aber vor meinem geistigen Auge entstand ein Bild:

Paul Ronzheimer: Journalist. Podcaster. Kriegsreporter. Wetter-Talker.

Und ich frage mich spontan: Was kommt als Nächstes?

RONZHEIMER. Verkehr.

„STAU-CHAOS AUF DER A8 – GIBT ES WIEDER EIN SONNTAGS-FAHRVERBOT?“

RONZHEIMER. Kochen.

„PUTINS LIEBLINGSGERICHT – WELCHE GEHEIME ZUTAT STEIGERT SEINE POTENZ?“

RONZHEIMER. Garten.

„DEUTSCHLAND VERTROCKNET – WISSEN SIE, WAS JETZT IN IHREN BALKONKASTEN GEHÖRT?“

RONZHEIMER. Haustiere.

„HAT KATER ROSSO MEHR DURCHBLICK ALS MERZ?“

Rosso: Unabhängiger politischer Beobachter. Stellt keine Fragen. Wartet auf Antworten.

Man muss schließlich Klicks erzeugen.

Genau hier beginnt mein Problem: nicht beim Erfolg. Nicht bei den Klicks. Nicht bei YouTube. Auch nicht dabei, dass ein Journalist eine Marke aufbaut.

Mein Problem ist, wie er das macht. Denn diese Methode bezeichne ich als Clickbaiting.

Clickbaiting nutzt eine menschliche Eigenschaft aus:

Neugier.

Sie sagt nicht:

„Hier ist etwas Interessantes.“

Sie sagt:

„Du musst das jetzt unbedingt anklicken.“

Und wenn das Versprechen anschließend nicht eingelöst wird, passiert etwas:

Vertrauen geht verloren.

Nicht auf einmal.

Erst ein bisschen.

Dann noch ein bisschen.

Und noch ein bisschen.

Bis man irgendwann nicht mehr denkt: „Oh, interessant!“

sondern: „Aha. Mal gucken, welche Banalität dieses Mal zum Vorschein kommt.“

Das ist ein gewaltiger Unterschied. Und irgendwann klicke ich gar nicht mehr. Denn ich habe einen altmodischen Wert:

Glaubwürdigkeit

Aus genau diesem Grund mag ich den Ronzheimer-Podcast (die Ronzheimer-Podcasts) nicht mehr.

Umso schätze ich den auslandsjournal-Podcast „Der Trump-Effekt auch so sehr. Dort empfinde ich die Kommunikation als Teamwork. Journalisten, die etwas wissen, etwas erlebt haben und gemeinsam denken. Sie hören einander zu. Sie ergänzen sich. Und sie sind nicht immer einer Meinung, aber sie müssen nicht beweisen, wie gut sie sind. Das Gespräch steht im Mittelpunkt.

Nicht die Verpackung.

Und genau das empfinde ich als authentisch und deshalb als so angenehm.


Ich hätte da einen Vorschlag

Wenn bei Paul Ronzheimer nicht nur die Kanäle doppelt sind, sondern jetzt auch noch das Wetter dazukommt, sollten wir konsequent sein. Deshalb empfehle ich:

Ronzheimer-Kanal Nummer 4:

RONZHEIMER mit RENATE BLAES

Also mit mir. Ich hätte nämlich auch das eine oder andere Kluge abzusondern. Und zwar:

Über Wildkräuter. Damit kenne ich mich prima aus und weiß, dass sie gerade in Zeiten des Klimawandels unbekümmert vor sich hin wachsen. Unter anderem die genügsame Ackermelde. Mehr dazu auf meinem Kochlustblog.

Ackermelde
Ackermelde – unverwüstliches Wildkraut und klimaresistent


Also könnte ich mit Paul Ronzheimer in unserem gemeinsamen Kanal über Wildkräuter sprechen. So wie Paul mit Herrn Kachelmann spricht: Kachelmann spricht übers Wetter, ich spreche über Wildkräuter.

Und ich hätte noch eine kleine Empfehlung: Vielleicht sollte Paul Ronzheimer auf seiner Website noch eine Berufsbezeichnung hinzufügen.

Denn dort steht: Journalist. Podcaster. Kriegsreporter.

Ich hätte einen Vorschlag:

Journalist. Podcaster. Kriegsreporter. Clickbaiter.

Diese Begriffe hätten einen großen Vorteil: Die Verpackung wäre ehrlich.

PS: Nix für ungut, Paul! Ist alles nur meine ganz persönliche Sichtweise …

WeiterlesenRonzheimer. Ronzheimer! Ronzheimer?
Babyschuhe

Wenn Prinzipien nur für andere gelten: Jens Spahn und die Frage politischer Glaubwürdigkeit

»Ich war zerrissen.«
»Ich habe lange mit mir gerungen.«

Mit diesen Worten beschreibt Jens Spahn seine Entscheidung, gemeinsam mit seinem Ehemann mithilfe einer Leihmutter Vater zu werden. Es sind Sätze, die Verständnis erzeugen sollen. Sie zeigen einen Menschen im Konflikt zwischen persönlichem Wunsch und politischer Überzeugung.

Doch in der politischen Bewertung reicht es nicht aus, auf die eigene innere Zerrissenheit zu verweisen. Denn Politik wird nicht daran gemessen, wie schwer jemandem eine Entscheidung fällt. Sie wird daran gemessen, welche Maßstäbe jemand vertritt – und ob diese Maßstäbe auch dann gelten, wenn sie unbequem werden. Genau an diesem Punkt beginnt die Debatte um Jens Spahn.

Ein moralischer Maßstab – und eine persönliche Ausnahme

Jens Spahn und die CDU haben die Leihmutterschaft in Deutschland über Jahre kritisch gesehen. Die Argumente dagegen sind grundsätzlicher Natur: der Schutz von Frauen vor möglicher Ausbeutung, die Frage nach der Kommerzialisierung von Kindern und ethische Bedenken gegenüber einer Praxis, bei der eine Frau ein Kind für andere austrägt. Wer diese Argumente vertritt, erhebt einen moralischen Anspruch. Ein solcher Anspruch muss jedoch universell gelten. Denn eine politische Überzeugung verliert an Glaubwürdigkeit, wenn sie nur so lange gilt, bis die eigene Lebenssituation eine Ausnahme verlangt. Genau hier liegt der Kern der Kritik: Nicht die Elternschaft ist der Streitpunkt. Nicht das Kind. Nicht die persönliche Lebensentscheidung. Der Streitpunkt ist die politische Konsequenz.

Das Ronzheimer-Interview mit Jens Spahn:
Die entscheidende Frage bleibt offen

Wer die Argumentation von Jens Spahn im Original hören möchte, sollte sich das Interview mit Paul Ronzheimer ansehen. Besonders interessant ist dabei nicht nur der Inhalt seiner Aussagen, sondern auch die Art der Begründung: Spahn spricht von persönlicher »Zerrissenheit« und davon, »lange mit sich gerungen« zu haben.

Genau hier setzt die Kritik vieler Beobachter an. Denn die zentrale Frage der Debatte lautet nicht, ob eine persönliche Entscheidung schwierig war. Die entscheidende Frage lautet:
Kann ein politischer Grundsatz glaubwürdig vertreten werden, wenn man für sich selbst einen anderen Weg wählt?

»Lange mit mir gerungen« ersetzt keine Antwort

Es mag sein, dass Jens Spahn lange über seine Entscheidung nachgedacht hat. Es mag sein, dass sie für ihn persönlich schwierig war. Aber persönliche Gewissenskonflikte beantworten nicht automatisch politische Widersprüche. Ein Bürger, der eine Regel als belastend empfindet, kann sich schließlich auch nicht allein mit dem Hinweis rechtfertigen, er habe lange darüber nachgedacht.

Die Frage lautet nicht: War die Entscheidung schwer?
Die Frage lautet: Welcher Maßstab gilt?

Wer politische Regeln und moralische Grenzen für andere Menschen mitträgt, muss erklären können, warum dieselben Grenzen für die eigene Situation plötzlich anders bewertet werden.

Verantwortung bedeutet mehr als rechtliche Zulässigkeit

Befürworter von Spahns Entscheidung können darauf verweisen, dass die Leihmutterschaft im Ausland unter bestimmten Bedingungen legal ist. Das mag juristisch zutreffen. Aber politische Verantwortung geht über die reine Legalität hinaus.

Von Politikern erwarten Bürger nicht nur, dass sie keine Gesetze brechen. Sie erwarten auch, dass sie glaubwürdig für die Werte einstehen, die sie öffentlich vertreten. Gerade christlich-konservative Politik betont häufig Begriffe wie Verantwortung, Familie, Verlässlichkeit und persönliche Haltung. Diese Werte werden aber nicht in einfachen Situationen sichtbar. Sie zeigen sich dort, wo persönliche Interessen und politische Überzeugungen miteinander kollidieren.

Eine Reihe politischer Kontroversen – und die Frage nach Konsequenzen

Jens Spahns politische Laufbahn war wiederholt von öffentlichen Debatten und Kontroversen begleitet – etwa während der Corona-Pandemie im Zusammenhang mit der Beschaffung von Schutzmasken und der politischen Bewertung seines Handelns. Auch wenn daraus keine persönliche strafrechtliche Verurteilung resultierte, bleibt die politische Dimension bestehen: Bürger beurteilen Politiker nicht ausschließlich danach, ob ein Gericht eine Grenze zieht. Sie beurteilen sie auch danach, ob sie Vertrauen verdienen. Politische Verantwortung endet nicht dort, wo juristische Verantwortung endet.

Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch Erklärungen, sondern durch Konsequenz

Der Hinweis auf die eigene »Zerrissenheit« ist verständlich – löst aber den Widerspruch nicht auf. Denn eine Gesellschaft funktioniert nicht nach dem Prinzip:

Für andere gelten die Regeln.

Für mich gelten die Gründe.

Genau dieser Eindruck ist es, der viele Menschen an politischen Entscheidungsträgern zunehmend stört. Nicht, dass Politiker ihre Meinung ändern. Meinungsänderungen sind legitim. Aber dann muss man sie auch offen aussprechen. Ein glaubwürdiger Weg wäre gewesen, zu sagen: »Meine persönliche Erfahrung hat meine Sicht verändert. Ich überdenke meine bisherige Haltung.«

Das wäre eine nachvollziehbare politische Entwicklung gewesen. Schwieriger wird es, wenn man an der alten Position festhält, während man privat von einer Möglichkeit Gebrauch macht, die anderen weiterhin verwehrt bleiben soll.

Fazit

Jens Spahn hat eine persönliche Entscheidung getroffen. Diese Entscheidung steht ihm als Mensch zu. Aber Politiker müssen sich daran messen lassen, ob ihre öffentlichen Maßstäbe auch für sie selbst gelten.

»Ich habe lange gerungen«, erklärt Spahns Entscheidung. Es beantwortet aber nicht die entscheidende politische Frage: Warum soll etwas, das für andere als ethisch problematisch gilt, für einen selbst plötzlich vertretbar sein?

Solange diese Frage unbeantwortet bleibt, wird der Vorwurf der Doppelmoral nicht durch persönliche Erklärungen verschwinden. Denn politische Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch die Schwere eines inneren Konflikts. Sie entsteht durch die Bereitschaft, die eigenen Maßstäbe auch dann einzuhalten, wenn sie unbequem werden.

Übrigens:
Im Interview mit Paul Ronzheimer im BILD-Podcast „Ronzheimer“ (sh. Link oben) sagte Jens Spahn auf die Frage nach seiner politischen Zukunft: »Am Ende kann ja nur die Fraktion darüber entscheiden, wie es weitergeht.« Diese Aussage ist bemerkenswert, denn über einen persönlichen Rücktritt kann er selbst entscheiden. Den Verweis auf die Fraktion verstehe ich daher als Hoffnung auf deren Rückhalt – möglicherweise, weil ein Verzicht auf seine Position für die Union eine schwierige Nachfolgedebatte auslösen würde. Spahn selbst betont in dem Interview ausdrücklich und ausführlich, rechtlich und politisch korrekt gehandelt zu haben. Die moralische Frage, ob sein Verhalten dem besonderen Anspruch eines politischen Spitzenamtes gerecht wird, beantwortete er dagegen weniger ausführlich.

Nachsatz um 16:00 Uhr:
Spahn ist zurückgetreten.

WeiterlesenJens Spahn und die Leihmutterschaft: Doppelmoral oder Gewissenskonflikt?
kuehe

Solche Videos erfreuen meine Seele! Kühe, wie ich sie aus meiner Kindheit kenne: Auf der Wiese! Dort, wo sie hingehören.

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Hier am Ammersee gibt es auch glückliche Kühe. Ganz in meiner Nähe. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich sie auf der Weide sehe.

Und hier geht es zu den Hühnern …

Huhn-ammersee
WeiterlesenGlückliche Kühe: raus aus dem Stall – im Kuhgalopp auf die Wiese
Trump-Syndrom

Was versteht man unter dem Begriff Trump-Syndrom?

In einem Blogartikel bei Edition Blaes zum Thema Marketing-Award habe ich gestern einen Begriff kreiert: Trump-Syndrom.

Hier die Bedeutung des Wortes:

Trump-Syndrom

Eine ansteckende Geistesverfassung, bei der

  • Lautstärke als Kompetenz
  • Selbstüberschätzung als Stärke
  • Fakten als Meinung
  • Schmeicheleien als aufrichtiges Lob

missverstanden werden.

Typische Symptome

  • reflexartiges „Fake News!“, sobald die Realität lästig ist
  • simples Weltbild: Ich = Genie, Kritiker = Feinde und/oder Deppen
  • Dauerempörung bei gleichzeitiger Opferpose
  • Narzissmus im XXL-Format, verpackt als „gesunder Menschenverstand“
  • sachliche Debatten werden zur Wrestling-Show umgemünzt

Verlauf

  • verschlimmert sich bei Social Media
  • ist hoch ansteckend in Krisenzeiten
  • ist resistent gegenüber Bildung, Studien und Ironie

Therapie (hoffnungslos)

  • Fakten → wirkungslos
  • Dialog → wird als Schwäche gewertet
  • Satire → wird nicht erkannt, aber wütend geteilt

Prognose

Nicht heilbar, nur minimal eindämmbar – durch Medienkompetenz, Humor und gelegentliches Ausschalten des Internets.

Hier das Wort als Lexikondefinition:

Trump-Syndrom, Substantiv, Neutrum

Definition:

Polemische Bezeichnung für ein politisch-soziales Verhaltensmuster, bei dem Egozentrik, Faktenverachtung und aggressive Vereinfachung als Ausdruck von Stärke missverstanden werden.

Merkmale:

  • Ersetzung rationaler Argumente durch Lautstärke und Inszenierung
  • ausgeprägte Neigung zu Schwarz-Weiß-Denken und Feindbildkonstruktion
  • chronische Selbstüberschätzung bei gleichzeitiger Opferwahrnehmung
  • Ablehnung von Expertise zugunsten „gefühlter Wahrheit“
  • instrumentelle Nutzung von Empörung zur Machtsicherung

Verwendung:

Zur Beschreibung von Akteuren oder Milieus, die demokratische Diskurse durch Polarisierung, Personenkult und Provokation entleeren, ohne konstruktive Lösungen anzubieten.

Abgrenzung:

Nicht identisch mit Populismus, jedoch häufig mit ihm vergesellschaftet; unterscheidet sich durch ausgeprägten Narzissmus und mediale Dauerinszenierung.

Beispielsatz:

„Die Debatte scheiterte weniger an Sachfragen als am Trump-Syndrom aller Beteiligten.“

WeiterlesenDas Trump-Syndrom
friedman

Früher konnte ich Michel Friedman nicht leiden, weil ich ihn als arrogant und überheblich empfand. Das Gute am Menschen ist, dass er seine Meinung ändern kann … und ich habe meine Meinung über ihn geändert, denn heutzutage finde ich ihn wunderbar. Er ist intelligent, scharfsinnig und ein großartiger Redner. Er schwafelt nicht verschwurbelt daher wie zum Beispiel Harald Welzer, auch nicht altklug und vermeintlich allwissend wie Richard David Precht. Friedman spricht klar, einfach und für jedermann verständlich – und meist ohne Manuskript. Alles in allem: Dem streitbaren und rhetorisch brillanten Michel Friedman zuzuhören, ist ein Vergnügen auf allerhöchstem Niveau und ein Gewinn – für Menschen, die gern (nach)denken.

Heute habe ich bei Youtube ein Video von Friedman gefunden: Warum es »Monitor« braucht und die AfD gefährlich ist.

Hörenswert!

Friedman war auch bei Hotel Matze. Ebenfalls absolut hörenswert!

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»Das Mittelmaß ist eigentlich die beste Überlebensgruppe.« (Friedman – im Zusammenhang mit Eliten).

Kleiner Exkurs: Dieser Aussage stimme ich zu, denn ich wäre froh, von Menschen umgeben zu sein, die zumindest ein Mittelmaß anbieten können. Vor allem, was die Denkbereitschaft betrifft. Denn die meisten, die ich kenne, sind nicht bereit, zu denken. Demzufolge bieten sie nicht mal Mittelmaß an, sondern langweiliges und der eigenen Denkfaulheit entsprungenes Gelaber.

Und unter Denken verstehe ich unter anderem, das eigene Denken und Handeln aufmerksam zu beobachten und zu analysieren – und Fehler zuzugeben. In meinem langjährigen Leben haben sich übrigens zwei Menschen bei mir entschuldigt. ZWEI! Ja, doch so viele …

Zurück zu Friedman. Ihm zuzuhören, ist (für mich) ein absoluter Genuss! Was Mittelmäßigkeit bei sogenannten Eliten betrifft: ab Min. 29.

WeiterlesenMichel Friedman: Warum es Monitor braucht und die AfD gefährlich ist