Der arme Algorithmus – oder: Wie das Fragezeichen den Journalismus erobert
Manchmal genügt ein kurzer Blick auf manche Nachrichtenportale, und man fragt sich: Bin ich gerade bei einem Nachrichtenmedium gelandet oder in einer digitalen Jahrmarktshalle?
Überall blinkt, ruft und lockt es. Jede Überschrift scheint um Aufmerksamkeit zu betteln. Sie will nicht einfach informieren – sie möchte ziehen, zerren und möglichst schnell den Finger zum Klicken bewegen.
Besonders auffällig finde ich die Schlagzeilen, die inzwischen immer häufiger nach dem Muster des Boulevardjournalismus funktionieren:
„Ist DAS das Ende von …?“
„Kommt jetzt der große Schock?“
„Experten warnen!“
„Was nun auf Deutschland zukommt!“
„Dieser Fehler könnte fatale Folgen haben!“
Und natürlich: das Fragezeichen.
Dieses kleine Satzzeichen ist zum Liebling des modernen Klickjournalismus geworden. Es ist das perfekte Werkzeug für alle, die gerne etwas behaupten möchten, ohne wirklich etwas behaupten zu müssen.
Man stellt eine dramatische Vermutung in den Raum, setzt ein Fragezeichen dahinter – und schon ist man juristisch und journalistisch fein heraus.
Man hat ja nur gefragt.
Ein Beispiel, frei erfunden:
„Ist Merz am Ende?“
Eine großartige Überschrift. Kurz. Knackig. Alarmierend.
Sofort entstehen Bilder im Kopf: politische Krise? Machtverlust? Rücktritt? Chaos?
Also klickt man.
Und dann stellt man fest: Vielleicht ist irgendwo eine Umfrage nicht besonders günstig ausgefallen. Vielleicht hat ein politischer Gegner Kritik geäußert. Vielleicht hat irgendein Experte eine Meinung.
Aber die große Frage aus der Überschrift?
Sie bleibt offen.
Denn genau das ist der Trick.
Viele dieser Fragezeichen-Schlagzeilen wollen gar keine Antwort liefern. Sie wollen nur Neugier erzeugen. Sie sind keine Fragen, die nach Erkenntnis suchen. Sie sind Köder.
Die Frage ist nicht der Weg zur Information.
Die Frage ist die Information – beziehungsweise das, was davon übrig bleibt.
Und der arme Algorithmus!
Er kann ja nichts dafür.
Er sitzt vermutlich irgendwo in einem klimatisierten Rechenzentrum, schaut auf seine Zahlenkolonnen und wartet verzweifelt auf neue Nahrung.
„Ist Merz am Ende?“
„Dieser Fehler könnte alles verändern!“
„Was jetzt kommt, überrascht alle!“
Endlich Futter!
Der Algorithmus versteht schließlich nicht den Unterschied zwischen einer sorgfältig recherchierten Nachricht und einer dramatisch verpackten Vermutung. Er kennt keine Einordnung, keine journalistische Verantwortung und keine Frage danach, ob ein Leser nach der Lektüre tatsächlich schlauer ist als vorher.
Er zählt nur.
Klicks. Reichweite. Verweildauer.
Ob die Menschen informiert oder nur aufgeregt wurden, steht leider nicht in seiner Statistik.
Ich beobachte diese Entwicklung nicht nur als Leserin, sondern auch mit einem eigenen journalistischen Hintergrund. Vor vielen Jahren war ich Mitarbeiterin bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa) und gleichzeitig bei der Badischen Zeitung angestellt. Ja, das geht tatsächlich.
Dort habe ich gelernt, was guter Journalismus bedeutet.
Guter Journalismus bedeutet nicht, Menschen möglichst schnell in Aufregung zu versetzen.
Guter Journalismus bedeutet: recherchieren, prüfen, Fakten von Vermutungen trennen. Eine Nachricht nicht größer machen, als sie ist. Und vor allem: dem Leser zutrauen, mit Informationen umgehen zu können.
Eine Überschrift sollte eine Tür zum Artikel sein.
Kein Angelhaken.
Natürlich müssen Medien heute um Aufmerksamkeit kämpfen. Auch Journalismus findet nicht außerhalb der wirtschaftlichen Realität statt. Aber wenn der Kampf um Klicks dazu führt, dass Überschriften immer schriller und Inhalte immer dünner werden, dann wird etwas Wertvolles beschädigt:
Vertrauen.
Vertrauen entsteht nicht durch künstliche Dramatik. Es entsteht durch Verlässlichkeit.
Eine seriöse Nachricht muss nicht schreien. Sie muss nicht mit Großbuchstaben wedeln. Sie muss nicht so tun, als würde hinter jeder Ecke der nächste Weltuntergang lauern.
Manchmal ist die Wahrheit nämlich erstaunlich unspektakulär.
Und genau das ist ihre Stärke.
Vielleicht sollten wir das Fragezeichen wieder von seinem traurigen Dasein als Klickköder befreien. Es war einmal ein Zeichen für echte Neugier und ehrliche Offenheit.
Heute hängt es viel zu oft wie ein Feigenblatt hinter einer Behauptung, die niemand sauber belegen möchte.
Also liebe Redaktionen: Gebt dem armen Algorithmus ruhig weiterhin Futter.
Aber vielleicht gelegentlich auch etwas Gesundes.
Eine überprüfte Tatsache zum Beispiel.
Er würde sich bestimmt freuen.
Und wir Leserinnen und Leser auch.




