Auszeichnung per E-Mail: Wie Marketing-Awards funktionieren – Versuch einer Einordnung
Heute bekam ich eine E-Mail mit einer auf den ersten Blick erfreulichen Nachricht: Das Deutsche Innovationsinstitut (DIIND) teilte mir mit, ich sei für die Auszeichnung »Business Innovator« nominiert.
Grund für die Nominierung war der Inhalt einer Pressemeldung, die ich vor wenigen Wochen verschickt habe.

Meine Pressemeldung sei »besonders positiv aufgefallen«, denn sie zeige beispielhaft, »wie unternehmerische Weitsicht mit zukunftsorientierter Entwicklung verbunden wird.«
Sehr interessante Information! Diese Sichtweise war selbst mir als Verfasserin der Presseinformation neu.

Demzufolge habe ich mich über die Nominierung grundsätzlich und über die obige Formulierung speziell gewundert.
Grund: In der Pressemeldung habe ich lediglich darauf hingewiesen, dass Edition Blaes professionellen Buchsatz als Dienstleistung anbietet, und wie wichtig Schriftwahl und manuelle Bearbeitung eines gesetzten Buchinhaltes sind. »Unternehmerische Weitsicht« kann man selbst bei großem Wohlwollen nicht in die Presseinformation hineininterpretieren.
Zwischenbemerkung: Erfreulicherweise leide ich nicht unter dem Trump-Syndrom. Ich freue mich zwar über Gesten echter Wertschätzung, Schmeicheleien hingegen beeindrucken mich nicht, sondern stimmen mich skeptisch bis misstrauisch. Zurecht!
Denn das DIIND schreibt außerdem:
»Die Kombination aus gezielter Schriftwahl (Serifen vs. Groteskschrift) und sauberer Silbentrennung markiert einen klaren Fortschritt in der professionellen Buchgestaltung.«
Meine Sichtweise zu professionellem Buchsatz ist kein Fortschritt, sondern asbach-uralt! Mein Typo-Professor Günter Gerhard Lange hat sie vor Jahrzehnten schon gepredigt.
Trotz dieser Tatsache ist mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass kaum ein Selfpublisher Ahnung von professionellem Buchsatz hat. Denn was man in Selfpublisher-Büchern so alles an laienhaftem Buchsatz betrachten kann, ist einfach furchtbar.
Aber zurück zur Mail, denn auch die Formulierung vor dem oben genannten Zitat ist Unsinn:
»Mit dem neuen Edition Blaes zeigen Sie eindrucksvoll, wie präziser Buchsatz die Leserlichkeit erhöht.«
Mit dem neuen Edition Blaes … Es gibt kein neues Edition Blaes!
Den Begriff Leserlichkeit gibt es nicht. Es heißt: Lesbarkeit.
Angesichts dieser abstrusen Formulierungen gehe ich davon aus, dass hier KI am Werk war, in den Weiten des Internets nach potenziellen Preisträgern gesucht, dabei meine Pressemeldung entdeckt hat und sich vermutlich »gedacht« hat: Aha, hier könnte ein potenzielles Opfer versteckt sein. Aber wie schon geschrieben: Ich leide nicht unter dem Trump-Syndrom, sondern erfreue mich bester geistiger Gesundheit – gepaart mit gesundem Selbstbewusstsein. Wobei hier die Betonung auf »gesund« liegt.
Alles in allem ist die sogenannte Nominierung lediglich eine Strategie, um Zahlungswillige zu finden. Also Zeitgenossen, die sich überlegen (falls sie ihr Gehirn einschalten), ob die Investition in diese (sehr teure) »Auszeichnung« unter PR-Aspekten strategisch sinnvoll ist.
Ob sie es ist, kann ich nicht beurteilen, denn ich werde keinen Cent ausgeben für eine käuflich zu erwerbende »Auszeichnung«.
Doch zurück zum Thema:
Viele Unternehmer kennen Nachrichten wie die obige: Per E-Mail kommt die wunderbare Mitteilung, man sei für eine Auszeichnung nominiert oder bereits ausgewählt worden – und dies (natürlich) unter besonders innovativen, zukunftsorientierten oder anderen vorbildlichen/schmeichelhaften Aspekten. Die Absender treten häufig unter Namen auf, die Seriosität und institutionelle Nähe suggerieren. Für die Empfänger stellt sich dann schnell die Frage: Handelt es sich um eine echte Auszeichnung oder um ein Marketingangebot?

Ein Beispiel, das in diesem Zusammenhang häufiger genannt wird, ist das Deutsche Innovationsinstitut (diind), von dem auch ich heute eine E-Mail (sh. oben) bekommen habe. Dieser Artikel ist deshalb ein Versuch, den Mechanismus solcher Angebote sachlich einzuordnen.

Es gibt übrigens ähnliche Preisverleiher – mit derselben Postadresse. Zum Beispiel:
»KI-Innovator« – ein weiteres Label, das unter derselben organisatorischen Leitung wie das Deutsche Innovationsinstitut (diind) geführt wird und Unternehmen zur Teilnahme bzw. Zertifizierung auffordert.
Wie solche Einladungen typischerweise aufgebaut sind
Die Struktur solcher E-Mails ähnelt sich oft:
- Eine persönliche Ansprache und die Information, dass das Unternehmen »nominiert« oder »ausgewählt« wurde
- Der Hinweis auf eine Auszeichnung, die besondere Leistungen würdigen soll
- Ein Link zu einer sogenannten Selbstauskunft, in der Unternehmensdaten abgefragt werden
Für viele Empfänger wirkt dieser Ablauf zunächst plausibel: Selbstauskunft, Prüfung, Auszeichnung – ein Verfahren, das man auch aus anderen Kontexten kennt.
Die Rolle der Selbstauskunft

Die Selbstauskunft ist meist das zentrale Element des Prozesses. Dort machen Unternehmen Angaben zu Struktur, Arbeitsweise oder strategischer Ausrichtung. Welche Kriterien konkret zur Bewertung herangezogen werden und wie diese gewichtet sind, bleibt dabei meist offen.
Aus externer Sicht ist meist nicht erkennbar,
- wer die Angaben prüft,
- nach welchen Maßstäben bewertet wird,
- oder ob und in welchem Umfang eine Vergleichbarkeit zwischen den teilnehmenden Unternehmen besteht.
Das bedeutet zwar nicht automatisch, dass die Bewertung unzulässig oder falsch ist – sie unterscheidet sich aber von klassischen Wettbewerben mit klar definierten Jurys und transparent veröffentlichten Kriterien.
Auszeichnung und Nutzung
In vielen Fällen folgt nach der Selbstauskunft die Mitteilung, dass das Unternehmen ausgezeichnet wird. Häufig ist die Auszeichnung selbst zunächst kostenfrei, während die Nutzung des Siegels (z. B. für Website, Marketing oder Pressearbeit) an kostenpflichtige Pakete oder Lizenzen geknüpft ist.
Dieses Modell ist im Marketing nicht unüblich. Problematisch wird es aus Sicht mancher Unternehmen jedoch, wenn:
- die Auszeichnung auf den ersten Blick wie eine externe, unabhängige Anerkennung wirkt,
- der wirtschaftliche Charakter des Angebots aber im weiteren Verlauf deutlich wird.
Marketinginstrument oder klassische Auszeichnung?
An dieser Stelle lohnt eine begriffliche Trennung:
Klassische Auszeichnungen
- werden meist von bekannten Institutionen, Verbänden oder Jurys vergeben
- haben klar kommunizierte Kriterien
- sind in der Regel nicht an Lizenzmodelle gebunden
- entfalten ihren Wert primär durch Reputation
Marketingbasierte Auszeichnungen
- werden aktiv beworben oder per E-Mail angeboten
- basieren häufig auf Selbstauskunft
- sind Teil eines Kommunikations- oder Sichtbarkeitsangebots
- entfalten ihren Nutzen hauptsächlich im Rahmen kostenpflichtiger Zusatzleistungen
Beides kann legitim sein – es handelt sich jedoch um unterschiedliche Modelle, die nicht verwechselt werden sollten.
Warum Transparenz für Unternehmen wichtig ist
Für Unternehmen ist eine Sache entscheidend: transparente Information. Dazu gehört, klar zu erkennen,
- ob es sich um einen Wettbewerb oder ein Marketingangebot handelt,
- welchen konkreten Nutzen die Auszeichnung ohne zusätzliche Leistungen hat,
- ob die Kosten in einem sinnvollen Verhältnis zum erwarteten Effekt stehen.
Je transparenter diese Punkte kommuniziert werden, desto leichter fällt eine sachliche Einordnung und damit die Entscheidung.
Umgang mit solchen Einladungen
Einige pragmatische Schritte können helfen:
- Absender, Domain und Impressum prüfen
- Website unabhängig vom E-Mail-Link aufrufen
- gezielt nach Erfahrungsberichten googeln
Fazit
Nicht jede Auszeichnung, die per E-Mail angeboten wird, ist automatisch unseriös. Viele dieser Angebote sind jedoch Marketingstrategien, also keine klassischen Awards im wettbewerblichen Sinn. Wer diesen Unterschied kennt, kann nüchtern entscheiden, ob das (kostenpflichtige) Angebot zur eigenen Kommunikationsstrategie passt – oder ob man darauf verzichtet.
Hinweise zur Einordnung von Awards und Auszeichnungen
Der Begriff »Award« oder »Auszeichnung« ist rechtlich nicht geschützt und wird in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet. Entsprechend vielfältig sind auch die Modelle, nach denen solche Auszeichnungen vergeben und genutzt werden.
Grundsätzlich lassen sich Auszeichnungen grob in zwei Kategorien einordnen:
- klassische Wettbewerbe oder Preise, bei denen eine unabhängige Jury nach transparenten Kriterien entscheidet,
- sowie marketingbasierte Auszeichnungsmodelle, bei denen die Vergabe Teil eines Kommunikations- oder Sichtbarkeitsangebots ist.
Beide Modelle können legitim sein, verfolgen jedoch unterschiedliche Ziele und entfalten ihren Nutzen auf unterschiedliche Weise.
Wichtig für Unternehmen ist daher weniger die Bezeichnung selbst, sondern die Frage:
- wie die Auswahl erfolgt,
- welche Rolle Selbstauskünfte spielen,
- ob und wofür Kosten anfallen,
- und welchen konkreten Mehrwert die Auszeichnung unabhängig von zusätzlichen Leistungen bietet.
Hinweis:
Dieser Artikel stellt keine rechtliche Bewertung einzelner Anbieter dar und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Er soll vielmehr dazu beitragen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Auszeichnungen sehr unterschiedlich funktionieren können und deshalb kritisch und informiert eingeordnet werden sollten.
Unternehmen sind gut beraten, solche Angebote im Kontext ihrer eigenen Kommunikationsstrategie (falls vorhanden) zu prüfen und auf dieser Basis eine individuelle Entscheidung zu treffen.
Weiterer Erfahrungsbericht:
Friese-Journal
FAQ
Was bedeutet eine Auszeichnung für ein Unternehmen?
Eine Auszeichnung kann unterschiedliche Modelle umfassen. Sie kann sowohl eine unabhängige Anerkennung als auch ein Marketing- und Kommunikationsangebot sein.
Sind alle Awards unabhängig vergeben?
Nicht zwangsläufig. Einige Auszeichnungen werden durch unabhängige Jurys vergeben, während andere auf Selbstauskünften oder Marketingmodellen basieren.
Warum erhalten Unternehmen Awards häufig per E-Mail?
Viele Anbieter nutzen E-Mail als Kommunikationskanal, um auf Auszeichnungen oder Sichtbarkeitsangebote aufmerksam zu machen. Das ist ein übliches Vorgehen im Marketing.
Ist eine Auszeichnung kostenfrei?
Das hängt vom Modell ab. In einigen Fällen ist die Auszeichnung selbst kostenfrei, während für die Nutzung von Siegeln oder begleitender Öffentlichkeitsarbeit Gebühren anfallen können.
Woran erkennt man den Unterschied zwischen Wettbewerb und Marketing-Award?
Wettbewerbe zeichnen sich normalerweise durch transparente Kriterien, eine benannte Jury und einen klaren Auswahlprozess aus. Marketing-Awards sind häufig an Kommunikationspakete, Selbstauskünfte und Kosten gekoppelt.
Sollten Unternehmen solche Angebote grundsätzlich ablehnen?
Ob eine Auszeichnung sinnvoll ist, hängt von den eigenen Zielen und der Transparenz der Bedingungen ab. Entscheidend sind transparente Informationen.
PS: Gestern wurde ich vom DIIND übrigens angerufen – bezüglich der Nominierung. Weil ich keine Lust darauf hatte, auch nur eine weitere Sekunde meiner Zeit für diese »Auszeichnung« zu verschwenden, habe ich gesagt: kein Interesse!





















































