Buch mit Bulimie: »Stille Einsamkeit«

Bulimie, also essen und dann das Essen rauskotzen, hat mich rund 20 Jahre begleitet. Nein! – das ist nicht ganz korrekt. Diese psychische Störung hat mich nicht nur begleitet – sie hat mein Leben dirigiert.

Auf welche Weise, beschreibe ich auch in einem Kapitel meines Buches »Stille Einsamkeit«, das ich zur Zeit schreibe. Eigentlich schreibe ich es bereits seit über 10 Jahren, aber bis vor Kurzem hatte ich noch keine Struktur dafür gefunden. Eine Struktur, die mir entspricht. Denn eigentlich wollte ich einen Roman schreiben. Ich habe zwar bereits drei Romane geschrieben, aber ich schreibe lieber Kurzgeschichten. Die Journalistin Beate Bentele, die leider nicht mehr lebt, hat vor einigen Jahren geschrieben: »Renate Blaes ist die Meisterin der Kurzgeschichten.«

Darüber habe ich mich sehr gefreut!

Und weil Eigenlob auch wichtig ist, sage ich: Ja, meine Kurzgeschichten sind wirklich gut. Und noch unbescheidener: Ich finde meine Kurzgeschichten klasse! So, jetzt ist es raus …

Ich erkläre auch, warum ich diese Meinung habe, denn ich lese meine Kurzgeschichten selbst gern. Also, ich finde meine Kurzgeschichten deshalb so gut, weil ich die vom Nirwana geschenkte Gabe habe, die Dinge des Lebens kurz, knackig und selbstironisch auf den Punkt zu bringen. Ich schone niemanden. Auch mich selbst nicht. Aber ich klage auch niemanden an. Ich beschreibe einfach nur. Und genau das kann ich halt so gut.

Deshalb kam ich in einem Dialog mit ChatGPT vor einigen Wochen auf die Idee, aus meinem Roman einen »Mosaik-Roman« zu machen. Das Wesen eines Mosaiks sind die vielen Steinchen. Ein Steinchen braucht kein anderes Steinchen, um ein Steinchen zu sein. Es existiert auch prima allein. Aber sammelt man viele Steinchen, spielt mit ihnen herum, legt sie mal so und mal so hin, ergeben sie ein Bild. Wie man das Bild dann interpretiert, ist wieder eine andere Sache.

Kurz: Ich wollte ein Buch schreiben über mein Leben mit Bulimie.

Aber: Es wird kein Buch über mein Leben mit Bulimie. Es wird ein Buch über mein Leben. Bulimie war auch dabei.

Mein Buch ist nicht fertig. Es ist im Entstehen. Und bei jedem Kapitel bin ich selbst neugierig, was da plötzlich steht. Und ich frage mich oft: Wer hat das geschrieben?

Hier das erste Kapitel.

Fotos

Ich bin jetzt in Rente. Wie das passieren konnte, ist mir immer noch ein Rätsel. Vorgestern war ich noch 50. Und heute? Heute nähere ich mich einer Zahl, die Geburtstage nicht zum Jubelfest, sondern zur Trauerfeier macht. Deprimierend. Haut mir aufs Gemüt. Kräftig! Und wenn ich in den Spiegel schaue – was ich so gut wie möglich vermeide –, bin ich entsetzt darüber, dass dieses Gesicht mir gehört.
In meinem Fotoordner auf dem Computer gibt es einen Unterordner: »Renate-Fotos« steht darunter. Anders als man vermuten könnte, sind dort nicht nur Fotos von mir drin. Momentaufnahmen von Familie und Freunden gibt es auch. Sogar Schnappschüsse von völlig fremden Menschen. Von einem schlafenden Obdachlosen in der Hamburger Fußgängerzone zum Beispiel. Oder von einem dunkelhäutigen Biertrinker mit Tirolerhut beim Oktoberfest. Ich kann alle Fotos nach Gutdünken ordnen, zum Beispiel mit dem Erstellungsdatum. Angefangen habe ich vor ungefähr 20 Jahren. Sehr interessanter Verlauf. Rein optisch betrachtet …
Ältere Fotos habe ich natürlich auch, aber so, wie es sich gehört: auf Papier. Auf Fotopapier. Früher habe ich Fotos sogar im eigenen Minilabor selbst entwickelt und abgezogen. Im Rotlicht-Dunkel ging’s los: Film einspulen, Chemikalien ansetzen, entwickeln, fixieren und anschließend auf Fotopapier belichten. Dann kam der spannende Moment: Papier ins Entwicklerbad, und ganz gemächlich tauchte das Bild auf. Jedes Foto war Handarbeit und immer eine kleine Überraschung. Etliche Fotos gingen gründlich daneben.
Was ich sagen will: Die Fotos von früher schaue ich gern an. Renate, jung und hübsch, mit kleinen Fältchen um den Augen, denn Lachfalten hatte ich als Teenager schon. Wie Frauen meines jetzigen Alters (auch sehr viele jüngere) auf die Idee kommen, sich alle Falten wegbügeln zu lassen, verstehe ich nicht. Faltenfreie Gesichter finde ich langweilig – und bei älteren Frauen nicht nur langweilig, sondern grauenhaft. Zum Beispiel Sophia Loren mit achtzig: nicht das kleinste Fältchen, geschwollene Lippen. Schönheitschirurg, ick hör dir nich nur trapsen …
Außer dem Fotoordner auf meinem Computer habe ich zwei Fotokartons und ein uraltes Fotoalbum, mit transparentem Spinnwebenpapier als Trennseiten, damit die Fotos nicht zusammenpappen oder sich ineinander verhakeln. Das allererste Foto von mir zeigt mich als Baby. Aufgenommen in einem Fotostudio. Das sieht man: eindeutig professionell – Position des Motivs und Belichtung gleichermaßen. Und was auch lustig ist: Von meinen Geschwistern gibt es ein Babyfoto im gleichen Alter. Und jetzt das wirklich Lustige: Mein Bruder hatte einen ovalen Kopf, meine Schwester einen runden und ich einen viereckigen.
Wenn ich mir heutzutage diese Fotos anschaue, wird mir ganz melancholisch ums Herz. Aber es sind weniger die Babyfotos, denn zu denen habe ich keinen wirklichen Bezug. Ich weiß lediglich: Das bin ich als Baby.
Aber dann gibt es die vielen Fotos aus Zeiten, an die ich mich prima erinnern kann. An die Zeit mit Hanno beispielsweise.

Das Buch ist nicht chronologisch aufgebaut. Ich erzähle mal diese und mal jene Episode. Als Übergang zu jedem neuen Kapitel hole ich ein Foto aus einem meiner Fotokartons oder einem Album.

Hier der Übergangstext zum zweiten Kapitel:

Ich muss ein bisschen kramen, denn ich habe nicht viele Fotos von Hanno. Finde aber eines, wo er auf seiner VéloSolex sitzt und in die Kamera grinst. Hanno war irgendwie mein Schicksalsmann. Groß und schön. Ansonsten war er ein Arschloch.