In nur 5 Minuten zur Website?

„In 5 Minuten zur Website!“ Was für einen Mist erzählen die da?

„In nur 5 Minuten zur eigenen Website!“ So oder ähnlich werben Provider für WordPress und andere Website-Systeme. Und jedes Mal, wenn ich einen Spruch dieser Art lese, denke ich:

Was für einen Mist erzählen die da?

Ich arbeite seit über 15 Jahren mit WordPress. In dieser Zeit habe ich mir etliche Websites „zusammengebastelt“, denn ich führe insgesamt vier Blogs: Mein privates Blog „Renate Blaes“ (also dieses hier), mein berufliches Blog „Edition Blaes“, mein Wildkräuterkochblog „Kochlust“ und mein Katzenblog „Die kunterbunte Katzenseite“. Und ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, dass eine davon in fünf Minuten fertig gewesen wäre. Nicht annähernd. Ich war jedes Mal tagelang beschäftigt. Natürlich weiß ich, was die Anbieter meinen. Technisch ist das Versprechen sogar irgendwie richtig. Man kann heute tatsächlich in wenigen Minuten eine Website aufsetzen. Aber genau darin steckt die Irreführung. Eine Website ist weit entfernt davon, fertig zu sein, wenn sie samt URL im Browser erscheint.

Eine Website kann in fünf Minuten online stehen

WordPress installieren? Ein paar Klicks.

Ein Design auswählen? Geht schnell.

Eine Startseite erzeugen? Kein Problem.

Ein paar Texte und Bilder einfügen? Auch das geht inzwischen ziemlich flott.

Und schon steht da eine Website mit:

  • Logo
  • Überschrift
  • Bildern
  • Text
  • Menü
  • Kontaktformular

Fertig!

Zumindest sieht es so aus. Und genau hier liegt der Haken. Denn auf ähnliche Weise könnte man auch in fünf Minuten ein Buch herstellen.

In fünf Minuten zum eigenen Buch!

Man nehme ein Programm wie InDesign, lege ein paar hundert leere Seiten an, fülle die Seiten mit Blindtext und füge ein paar x-beliebige Bilder ein – an x-beliebigen Stellen.
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Dann nimmt man irgendein hübsches Bildchen für die Titelseite,  schreibt ein bisschen Headline-Text und – zack! – schon hat man ein Buch.

Zumindest sieht es aus wie ein Buch. Dass es tatsächlich eines ist, würde wohl niemand ernsthaft behaupten. Geschweige denn verlautbaren: „Ich habe in fünf Minuten ein Buch geschrieben.“ Denn das Entscheidende fehlt. Der Text ist Quatsch. Die Bilder ebenfalls. Es gibt keine Geschichte, keine Struktur. Es gibt schlichtweg nur Seiten mit – schwachsinnigem – Inhalt.

Und genauso verhält es sich bei der „Website in fünf Minuten“.

Inhalt ist nicht gleich sinnvoller Inhalt

Nun könnte man einwenden: „Aber die modernen Systeme liefern doch längst richtige Inhalte.“
Tun sie. Und das macht die Sache sogar noch interessanter. Heute kann eine KI innerhalb weniger Sekunden Texte über ein Unternehmen erzeugen. Bilder lassen sich ebenfalls generieren oder aus Stock-Bibliotheken auswählen. Ein Website-Baukasten setzt daraus automatisch eine ansehnliche Seite zusammen.

Das Ergebnis kann verblüffend gut aussehen. Aber auch hier gilt:

Ein Text ist nicht automatisch ein guter Text, nur weil er grammatikalisch korrekt ist.

Und eine Website ist nicht automatisch eine gute Website, nur weil sie professionell aussieht.

Die entscheidende Frage lautet: Passt das alles überhaupt zusammen?

Die Arbeit steckt in Struktur + Inhalt

Wenn ich eine Website erstelle, verbringe ich vergleichsweise wenig Zeit damit, WordPress zu installieren. Das ist tatsächlich in wenigen Minuten erledigt. Die Zeit geht für die Dinge drauf, die man in einem Werbevideo wunderbar überspringen kann:

  • Was soll die Website eigentlich erreichen?
  • Wer soll sie besuchen?
  • Was muss dieser Besucher wissen?
  • Was interessiert ihn wirklich?
  • Was kommt auf die Startseite?
  • Was gehört auf eine Unterseite?
  • Was kann weg?
  • Welche Informationen müssen an prominenter Stelle stehen?
  • Wie formuliert man sie verständlich?
  • Welches Bild unterstützt die Aussage?
  • Wie viel Text ist sinnvoll?
  • Wie soll die Navigation, also das Menü, aussehen?
  • Was passiert auf dem Smartphone?
  • Und warum sieht die verdammte Überschrift auf meinem Handy plötzlich völlig anders aus als auf dem Rechner?

Das sind die Dinge, die Zeit kosten, und genau hier fängt die Arbeit an. Wer schon einmal eine Website selbst gebaut hat, kennt das. Man hat eine Vorstellung davon, wie die Seite aussehen soll. Dann setzt man sie um. Und stellt fest: Irgendwie sieht es nicht so aus, wie ich es mir vorgestellt habe. Also verändert man etwas. Dann passt zwar das eine, aber das andere nicht mehr. Also verändert man wieder etwas,

  • Dann funktioniert irgendwo ein Link nicht.
  • Dann macht ein Plugin Ärger.
  • Dann ist die Seite plötzlich zu langsam.
  • Dann stellt man fest, dass die Bilder zu groß sind.
  • Dann gefällt einem die Startseite nicht mehr.
  • Dann entdeckt man auf dem Smartphone nicht nur ein Darstellungsproblem, sondern viele.

Also baut man die Website um. Und irgendwann sitzt man Stunden (oder Tage) später vor dem Bildschirm und verschiebt einen Button um acht Pixel. Ich kenne das. Seit Jahren.

WordPress ist dabei nicht das Problem

Und bevor der Eindruck entsteht, ich würde hier gegen WordPress wettern: Nein! WordPress ist ein absolut großartiges System. Ich liebe es! Gerade weil es so flexibel ist. Aber diese Flexibilität bedeutet eben auch, dass man sehr viel Zeit darin versenken kann.

Man kann eine Website sehr einfach machen. Man kann sie aber auch sehr kompliziert machen. Und man kann sich wunderbar in Kleinigkeiten verlieren. Das ist kein Fehler des Systems. Es ist schlicht die Realität.

„Online“ und „fertig“ sind zwei verschiedene Stiefel

Vielleicht liegt hier überhaupt das grundlegende Missverständnis.

Online bedeutet: Die Website ist erreichbar.

Fertig bedeutet: Die Website erfüllt den gewünschten Zweck.

Das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Eine Website kann nach fünf Minuten online sein. Sie kann nach fünf Minuten sogar schon Inhalte enthalten. Aber ob sie sinnvoll strukturiert ist, ob die Texte funktionieren, ob Besucher sich zurechtfinden und ob die Seite das tut, was sie tun soll, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Deshalb stört mich dieses 5-Minuten-Versprechen

Mich stört nicht, dass Anbieter mit einfachen Lösungen werben. Im Gegenteil: Es ist gut, wenn die Technik einfacher wird. Es ist gut, wenn Menschen ohne Programmierkenntnisse eine Website erstellen können. Und es ist fantastisch, dass heute Dinge möglich sind, für die man vor 15 Jahren noch ganz andere Kenntnisse bzw. einen IT-Fachmann gebraucht hätte.

Was mich stört, ist die subtile Behauptung, die Arbeit an der Website sei in 5 Minuten erledigt. Das ist sie definitiv nicht. Die fünf Minuten sind bestenfalls der Moment, in dem man mit der Arbeit anfängt.

Es ist ein bisschen wie beim Buch: Man kann in fünf Minuten alle Seiten mit Blindtext und Bildchen füllen. Man kann eine Titelseite dazu basteln. Man könnte das Ganze sogar drucken und anfassen.

Aber ein Buch geschrieben hat man deswegen noch lange nicht.

Auf vergleichbare Weise hat man nach fünf Minuten vielleicht eine Website. Aber man hat noch lange keine gute und sinnvolle Website. Ich empfehle deshalb eine Werbung folgender Art:

„In 5 Minuten ist Ihre Website online. Und jetzt beginnt die eigentliche Arbeit.“

Das wäre weniger spektakulär.

Aber ehrlich!

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